Zwischen Treppen und Träumen

Cerro Polanco ist ein Ort, dessen Charme durch brüchige Fassaden scheint. Er liegt in der chilenischen Hafenstadt Valparaíso. Über steile Hänge verteilen sich Architekturdenkmäler, Baracken mit Wellblechverschlägen, verschlungene Gassen und ein historischer 60 Meter hoher Aufzug. In den Häusern leben Künstler, Händler, Ladenbesitzer, alte Menschen und Studenten. Einigen geht es finanziell gut, viele leben unter der Armutsgrenze. Drogenhandel und Schießereien sind ein Teil des Viertelalltags. Einige, die auf den Hängen leben, betrachten Cerro Polanko als einen ungeschliffenen Diamant, der sie antreibt Projekte ins Leben zu rufen. Zwischen Armut und Drogenhandel finden sie Kraft, um für Veränderung, die Verwirklichung ihrer Träume und höheren Lebensstandard zu kämpfen.

Auf ihren Gehstock gestützt steht Cecilia vor dem dunklen Gebäude aus dem 18. Jahrhundert, das ihr Museum werden soll. Fünf Meter hoch und hundert Meter lang dehnt es sich hinter ihr aus, in der Calle Pintor Cicarelli am oberen Hang des Stadtteils Cerro Polanco. Kopfsteinpflaster, vom Regen zerfurcht, ein Treppenlabyrinth und ein historischer Aufzug führen herauf. Es geht vorbei an Gebäuden, die verlassen, eingestürzt, teils nur noch aus Wellblechfassaden zusammengehalten sind. Sie weiß, hier etwas zu bewegen, ist kompliziert. Egal was es ist.

Cecilia ist Designerin und lebt in Santiago de Chile. Ihre Wurzeln spürt sie in Cerro Polanco. Der Stadtteil liegt in Valparaíso, der Stadt am Pazifik mit dem größten Hafen Chiles. Regelmäßig verbringt sie hier Zeit, besitzt ein kleines Häuschen am unteren Hang in der Calle Simpson. 2005 kaufte sie das Gebäude oben auf dem Hang in der Calle Pintor Cicarelli, um darin ihren lang gehegten Traum zu verwirklichen: El Museo del Abandono. Das Museum des Vergessenen. Seitdem engagiert sie Bautrupps, die ihre Vision technisch umsetzen sollen. Ihr Sohn, ein Architekt, leitet die Renovierungsarbeiten – immer so lange, bis das Geld wieder verbraucht ist.

CerroPolancoMuseo.jpg
Museum des Verlassenen.

Die größte Fläche von Valparaíso erstreckt sich über eine Hügelkette. Cerro Polanco liegt, nahe der Bucht, auf einem Hang im Osten der Stadt. Für soziale Probleme und die besondere Bauweise des Aufzugs Ascensor Polanco sei es bekannt, sagen die Menschen aus der Region. Alte Aufzüge sind die Wahrzeichen von Valparaiso. Im Zuge des technischen Fortschritts des 19. Jahrhunderts wurden sie an den Hängen erbaut, um den Menschen den Auf- und Abstieg zu erleichtern. Über vierzig dieser Kolosse stehen in der Stadt verteilt. Heute sind noch neun funktionsfähig, darunter der 1915 erbaute Ascensor Polanco. In allen anderen Stadtteilen ziehen schwere Stahlketten Gondeln, die Aussehen wie kleine Eisenbahnwagen, auf Schienen über die Gefälle. Der Ascensor Polanco ist der einzige Aufzug in der Stadt, der seine Passagiere über einen senkrechten Turm transportiert. Am Fuße des Stadtteils führt ein hundertfünfzig Meter langer Tunnel ins Innere des Bergs bis zum Eingang des Aufzugs. Dieser führt von hier senkrecht nach oben, bis er im unteren Drittel des Hanges als gelber Turm sechzig Meter aus dem Boden ragt. An dessen oberen Ende liegt eine hölzerne Aussichtsplattform, von der eine Stahlbrücke zurück zum Hang führt. Weltweit existieren nur drei weitere Aufzüge dieser Bauart und Größe.

Alte Dinge haben es Cecilia angetan. Sie findet in weggeworfenen Alltagsgegenständen kleine Geschichten über die Beziehungen, die Menschen zu ihrer Umwelt, zu ihrem Leben und zu anderen Menschen haben. Eindrucksvoll zeigt das Innere ihres zweistöckigen Häuschens, wie ihre geschickte und humorvolle Anordnung alter Holzstühle, Koffer, Kleidungsstücke, und gebrauchter Alltagsgegenstände aller Art den Dingen neues Leben einhaucht.

Vergrößern

Haus_Cecilia_2
Der Reisende. Mit Humor und Stil arrangiert Cecilia Möbel und Kleidung.

www.misraices.cl

Der dunkelbraune Dielenboden glänzt, fast ausschließlich stehen antike Holzmöbel darauf. Auf einer weißen Anrichte liegend, rahmen rostige Eisennägel ein Bild vom Papst ein, links und rechts davon stehen Emaillekaffeekannen auf rissigen, verbeulten Untertellern. Dort, wo der Blick des Besuchers verweilt, beginnen die Stilleben zu sprechen und zum Nachdenken anzuregen. Zwar ist alles alt und gebraucht, doch genauso makellos sauber und gebrauchsfähig.

Vergrößern

Haus_Cecilia_1
Einrichtung in einem Haus nahe dem Museum.

Cecilias Blick für das Lebendige in Gegenständen, die von anderen bereits als Tod erklärt wurden, lässt Realität und Fiktion verschmelzen. Die Verknüpfung von ästhetischer Wirkung mit einem symbolischem Anspruch, ist ihr in jedem Raum gelungen – das Haus wird zu einem kleinen Kunstwerk.

In dem geplanten Museum oben auf dem Hügel soll dieses Konzept fortgesetzt und erweitert werden. Die Räume des Museo del abandono (Museum des Verlassenen) sollen mit alten Dingen aus den Straßen Valparaisos, in Cecilias speziellem Stil, ausgestattet werden. Im Patio arbeitet sie an einem Zen-Garten, der den Besucher empfängt, eine Bibliothek, eine offene Küche und ein kleines Kino sind geplant. Im Hinterhof pflanzt sie einen Garten im französischen Stil. Teile des Dachs sind offen, andere begehbar, über eine Aussichtsplattform können Besucher weit über die Stadt und die Bucht blicken. Auf die Frage, warum sie das Projekt gerade hier in Cerro Polanco realisiere, antwortet sie, dieser Ort sei charakteristisch für das, was sie in den weggeworfenen Dingen sieht: etwas, das seinem Schicksal überlassen wurde, am Verfallen ist und doch voller Leben steckt.

Um diesem Schicksal zu entgehen, suchen viele der Einwohner nach Lösungen, die ihnen pragmatischer erscheinen. Abwanderung und ein Anstieg der Kriminalität sind Zeichen des sozialen Verfalls, der immer stärker die Oberhand gewinnt. Cerro Polanco hat die höchste Arbeitslosenquote in Valparaiso, die Stadtverwaltung investiert kaum in die Instandhaltung der Straßen und Häuser. Die Fensterläden der unteren Etage eines mehrstöckigen Gebäudes sind herausgerissen, die Scheiben zerschlagen, aber gleichzeitig hängt aus den Fernstern der oberen Etage die Wäsche zum Trocknen. Das Dach eines anderen Hauses besteht aus lose übereinander geworfenen Wellblechplatten, deren Eigengewicht es zur Mitte bedenklich durchhängen lassen. Hier nichts Ungewöhnliches. Viele Straßen und Treppen sind unbeleuchtet, eine Stufe zu verwechseln, kann Folgen für die Gesundheit haben. Jeder kennt genau die Häuser, in denen die Drogengeschäfte abgewickelt werden, davor stehen immer einige Männer – einige Gründe, sich hier immer mit wachem Blick zu bewegen.

Andere die hier leben fühlen eine Verbundenheit mit den alten Gebäuden, Gassen, Treppen und dem markanten Ascensor, wie sie wohl nur ein Stadtteil wie dieser erzeugen kann.Cerro Polanco ist nicht nur der Stadtteil in dem sie leben, sondern ein Raum, der ihre Identität konstituiert. Besonders die älteren Menschen sprechen voller Nostalgie, wenn sie auf historische Gebäude verweisen, und leben in der Erinnerung, wie hier einst das Leben blühte. Dabei sprechen sie nicht von der politischen Situation. Der politische Grundton in Cerro Polanco ist sozialistisch geprägt und die Verbrechen und Gewalt der Pinochet-Diktatur nicht vergessen. Es geht Ihnen um die Schönheit, die dieser Ort besaß, als die Fassaden noch nicht so heruntergekommen waren. Der Raum in heutigen Städten, wie Santiago de Chile oder die Innenstadt von Valparaiso, wirkt auf sie exzessiv, wirkt, als schlüge das Herz der eigentlichen Stadt überhöht. Hier ist es anders, die Zeit scheint angehalten zu haben, nur der Verfall nicht. Ein wenig mythisch ist die Verbindung, die auch in den jüngeren Generationen fortlebt. Sie sehen den Charme des alten Charakters von Cerro Polanco durch die brüchigen Fassaden scheinen, wollen ihn greifen und ihm zu neuem Glanz verhelfen.

Von der verkehrsreichen Avenida Argentina geht die Calle Simpson ab. Nach zweihundert Metern erscheint die steile Gasse, die den Hang von Cerro Polanco hinaufführt. Die Öffnung zwischen den hohen Gebäuden lässt die Wahl, entweder das Eingangsportal des Aufzugs oder die Treppen für den folgenden Anstieg zu nutzen. Autolärm, johlende Schüler und manchmal laut trommelnde Schulorchester schallen über den Fuß des Hügels. Links neben den Treppen stehen die Türen zu einem Kunstladen offen. Paula dekoriert darin ein Regal mit handgemachten Lederhüten. Sie hat den Laden vor einigen Jahren gekauft und zusammen mit ihrem Mann ausgebaut. Seitdem handelt sie mit handgemachter Kunst. Einige Bilder und Kleidungsstücke stellt sie selbst her, vieles verkauft sie auf Kommission für die lokalen Künstler. Eigentlich würde sie gerne an Touristen verkaufen, doch es kommen so wenige, besonders im Winter bleibt es ruhig. Nachmittags stürmt ihr Sohn mit seinen Freunden herein, alle in Schuluniform gekleidet. Ihr Mann sitzt hinter dem Verkaufstresen, wenn er nicht als Maurer arbeitet. Sie leben zu dritt in einer der Wohnungen hinter ihrem Laden auf dem Hügel. Vor zwei Wochen leckte es vom Dach in die Wohnung. Die Reparaturen mussten sie selbst durchführen, das Geschäft blieb geschlossen.

CerroPOLANCO_2.jpg

Das bunte Treiben wird mit jedem Schritt auf den Hügel ruhiger, der Verkehr und die Polizeisirenen verrauschen zu einem Klangteppich in weiter Ferne. Ein kleines Kind spielt in einer der Gassen, streunende Hunde auf der Suche nach Essensresten, der blecherne Klang eines Radios. Dicht an dicht gebaute Häuser. Vorbei an einem Kiosk, links davon der gähnende Schlund einer Gasse in der sich Wohnhäuser aneinanderreihen. So geht es die Treppen hinauf, bis zu einer kleinen Kreuzung an der der Ascensor Polanco aufragt. Die Enge zwischen den Häuserschluchten weicht breiteren Wegen aus Sand und Kopfsteinpflaster. Sie führen weiter hinauf, entlang immer neuer Wege, die sich um den Hügel schlängeln. Vereinzelt grüne, rote und blaue Gebäude, einige intakt und bewohnt, dazwischen wieder Ruinen, zersplittertes Holz und dunkle Steinmauern an denen der Rost von Wellblechdachplatten entlang läuft.

Eins der Grundstücke wirkt wie eine kleine Festung mit seinen hohen Mauern und der schweren Stahltür. Hier lebt Isabel, eine erfolgreiche Künstlerin. Sie arbeitet gerade an einem Projekt in der Atacama Wüste im Norden Chiles und ist zur Zeit nur selten in Cerro Polanco. Ihre Kunst ist bekannt in Chile, sie hat Ausstellungen in Santiago und anderen großen Städten. Die drei Stockwerke ihres Hauses sind modern eingerichtet, im untersten gibt es ein Atelier, vom Garten aus einen interessanten Ausblick über Valparaiso und die Bucht. Isabel lädt gerne ihre Freunde aus der Kunstszene ein. Manchmal veranstaltet sie kleine Events, dann hängt ihre Kunst in den Straßen vor ihrem Haus. Es seien öffentliche Events, betont sie, auch die Menschen aus ihrer Nachbarschaft seien eingeladen, doch nur wenige würden kommen. Mit einigen Kunststudenten der Universität von Valparaiso unterhält sie ein Gebäude im unteren Teil von Cerro Polanco, das die Studenten zu einem Atelier für ihre eigenen Arbeiten ausbauten. Einige der Studenten leben ebenfalls auf dem Hügel, da die Mieten hier günstig sind. Ihre Ateliers würden sie gerne für Touristen öffnen, um vielleicht etwas zu verkaufen.

Der nordwestliche Teil Cerro Polancos ist zum Meer gelegen. Entlang hoher Steinmauern führen breite Treppen auf drei Aussichtsplattformen, die Tres Miradores. Bereits 2003 initiiert Cecilia ein Projekt, um die schlechte Infrastruktur des Hangs auszubessern. Sie stellte ihre Pläne der Stadtverwaltung vor und bewirkte eine staatliche Bezuschussung. Mit dem erhaltenen Geld engagierte sie ein kleines Team, mit dem sie den Boden einer der Plattformen, bestehend aus in Beton gefassten Steinen, renovierte. Mit viel Arbeit konnten sie das Projekt erfolgreich abschließen. Die Aussichtsplattform hatte wieder einen begehbaren Boden. Nur gab es keine weiteren Ressourcen, um den Erhalt der Baumaßnahmen zu gewährleisten.

Daraus resultierte, dass die Renovierungsarbeiten durch erneuten Zerfall und mangelnde Instandhaltung bereits nach wenigen Jahren wieder desolat waren. Diese Aktion ist symptomatisch für finanzielle Hilfe vom Staat, die partiell und kurzfristig Probleme zu lösen versucht, doch an einer nachhaltigen Verbesserung häufig scheitert. Zudem verkommt die talgelegene Region vor diesem Aussichtsort zu einem Niemandsland, von dem selbst die Stadtverwaltung nicht weiß, wer sich in den Gebäuden aufhält und was sich darin abspielt. Gerüchte kursieren, dass darin im großen Stil Drogen verkauft und konsumiert werden. Illegal abgelagerter Müll verteilt sich davor und beginnt die Hänge hinaufzukriechen, die dadurch zu Müllkippen mutieren. Cecilia erklärt den Verfall des Viertels damit, dass die Leute den Bezug zu dem verlieren, was sie haben. Sie kümmern sich nicht darum, die Dinge in ihrem Leben instand zu halten. Sie geben sie auf, wollen sie durch Neues ersetzen und damit geben sie auch ein Stück von sich selbst auf. Das zerstöre die Gebäude und die Gemeinschaft. Die Menschen müssten wieder lernen, das zu schätzen, was sie haben. Sie hofft, über das Museum diese Botschaft zu senden. Wann sie es eröffnen könne, sei noch unklar.

Im Eingangsbereich vonCerro Polanco hat Paulas Laden sich zum zentralen Nachbarschaftstreff etabliert, denn alle, die die Treppen oder den Ascensor nutzten, kommen zwangsläufig hier vorbei. Gekauft wird nur wenig, dafür werden umso intensiver Neuigkeiten ausgetauscht. Im Sommer sitzen die Frauen gerne auf einer der Bänke davor, um ihr Schwätzchen zu halten. Die Themen sind mangelnde Touristen, Müll in den Straßen und die Kriminalität, die sich durch den Drogenhandel ausbreitet. Die Neuigkeit, dass angeblich ein Investor einen Teil der oberen Hänge kaufen will, um dort eine Ferienanlage zu bauen, macht die Runde. Es ist nur ein unbestätigtes Gerücht, doch was würde das für sie bedeuten? Würde ein solches Projekt ihre Probleme lösen oder neue schaffen? Sie planen eine Versammlung zu organisieren. Alle, die etwas verändern wollen, sind eingeladen. Welche Veränderungen von den Menschen hier gewünscht und welche Projekte aus eigener Kraft realisierbar sind, könnte so erörtert werden. Es ist bereits die fünfte Veranstaltung dieser Art. Die ersten vier seien nur wenig erfolgreich gewesen und jetzt wieder mit denselben Leuten über dieselben Probleme reden, was sollte das bringen, fragt eine der Frauen. Es bleibt einen Moment still, bis eine andere erwidert, dass nichts unversucht bleiben sollte, was positive Veränderungen bewirken kann. Hoffnung kehrt in die Augen der Frauen, nein, aufgeben wollen sie nicht, schließlich haben sie auch einige neue Ideen. Sie diskutieren, wie Cerro Polanco für die Touristen attraktiver gemacht werden kann, die nach Valparaiso kommen, aber fast ausschließlich den Stadtkern besichtigen.

Erste Pilotprojekte gibt es bereits. Dazu zählt eine Führung durch den Stadtteil. Ein Guide führt Touristen über den Ascensor Polanco auf den Hügel und von dort in Schlangenlinien durch die Gassen wieder den Hang herunter. Die Idee dieser Ruta de Turismo Socio Cultural, Touristen Einblicke in das Sozialleben der Menschen dieses ungeschönten Stadtteils zu zeigen, konnte sich nicht erfolgreich durchsetzen. Nur wenige Touristen nutzen das Angebot. Mangelnde Werbung und der schlechte Ruf des Viertels machten es dem Projekt schwer, sich zu entfalten. Die Frauen wollen die kommende Versammlung nutzen, um weitere Akteure zu finden, die an nachbarschaftlichen Projekten partizipieren. Die Touristenführung abwechslungsreicher zu gestalten, indem weitere Haushalte zu Kleingewerben umfunktioniert werden, die den Touristen Essen oder Produkte anbieten, könnte ein Ansatz sein.

In einem Raum weit oben auf dem Hang von Cerro Polanco alto diskutieren Anwohner und Vertreter der Stadtverwaltung die Möglichkeit, den Ascensor Polanco zum UNESCO Weltkulturerbe zu erklären. Der historische Stadtkern von Valparaiso wurde bereits 2003, aufgrund der erhaltenen Architektur aus dem 19. und 20. Jahrhundert, zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt. Daraus folgten Zuschüsse zum Städteausbau, die der Stadt finanziellen Handlungsraum gaben, um die Infrastruktur der Innenstadt zu stärken. Bessere Restaurants, beleuchtete Straßen, restaurierte Fassaden und gepflegte Gärten prägen sie heute. Wege und Straßen zu Sehenswürdigkeiten, wie dem Pablo Neruda Haus, lassen Touristen seitdem schwitzend die Hügel erklimmen. Cerro Marioposa, Cerro Alegre oder Cerro Bellavista sind klingende Namen, die für eine Stadtbesichtigung angepriesen werden.

Den Ascensor Polanco zum Welterbe zu deklarieren, könnte demzufolge für Cerro Polanco von Nutzen sein, um Geld für die Sanierung der Infrastruktur zu erhalten. Doch zum UNESO Weltkulturerbe zu zählen, zieht Verpflichtungen nach sich. Das gesamte Areal, das im Blickfeld des Betrachters liegt, muss einen optischen Zustand zeigen, der die Authentizität und historische Einzigartigkeit dieses Ortes als Welterbe plausibel erscheinen lässt. In Cerro Polancowären auch die angrenzenden Häuser links und rechts des Ascensor Polanco davon betroffen. Bereits das Streichen ihrer Fensterläden in einem abweichenden Farbton, müssten die Hausbesitzer fortan beantragen und genehmigt bekommen. Zunächst müssten die Gebäude allerdings in einen entsprechenden Zustand gebracht werden. Die Veranstaltung endet damit, dass weiterhin Uneinigkeit darüber herrscht, ob ein Antrag gestellt werden sollte oder nicht. Fragebögen mit Stimmzetteln sollen an alle Haushalte geschickt werden, um so die Bürger in einem Referendum entscheiden zu lassen.

Zwei Wochen später. 15:00 Uhr. Calle Condell. Paula und ihre Mitstreiterinnen empfangen die Gäste zu ihrer Versammlung. Zwölf Sprecher sind angemeldet, darunter staatliche Organisation und Menschen aus der Nachbarschaft. Insgesamt sind 30 Leute gekommen. Die Sprecher aus Cerro Polanco stellen Projekte vor, die sie im Vorfeld erarbeitet haben, in vielen geht es um Angebote für Touristen. Die Besitzerin eines historischen Gebäudes plant daraus eine Pension zu machen; eine andere will selbstgebrannte Weine verkaufen; Einer der Kunststudenten präsentiert die Ateliers, in denen zukünftig Kunstausstellungen stattfinden sollen. Die Kulturbeauftragte der staatlichen Organisation FOSIS spricht über den Ausbau ihres Projekts Quiero mi barrio…, das finanzielle Hilfe und Beratung für Familien bietet, die sich mit einem eigenen Kleingewerbe selbstständig machen wollen. Auch diese Versammlung endet mit Projekten, die die Menschen an Hoffnung festhalten lässt, etwas verändern zu können. Doch es bleibt unklar, wann und ob diese Veränderung eintreten wird.

Paula, Cecilia und die ihre Mitstreiter aus Cerro Polanco wollen auch weiterhin ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen. Der Grad wird schmal bleiben, wenn es darum geht, Projekte umzusetzen, die von den Einwohnern ins Leben gerufen werden. Die geringen finanzielle Ressourcen, die vom Staat für die Bekämpfung lokaler Kriminalität und sozialer Probleme eingesetzt werden, lassen die Situation stagnieren. Besonders für diejenigen, die wirtschaftlich von der lokalen Situation abhängen und Einkommen nicht ausserhalb von Cerro Polanco generieren, wird sich eines Tages die Frage stellen, ob sie weiter für ihren Stadtteil kämpfen können oder anderswo ihr Glück suchen müssen.